Beitrag von Litha:
Was sprachen unsere Vorfahren über die Liebesdinge? Immer wieder ist die Rede vom kirchlich geprägten Patriarchat – doch gab es in dieser Zeit auch ein ganz anderes Bewusstsein: Ein Denken, in dem Mann und Frau und die Grenze des Willens gleichermaßen gewürdigt waren.
Liebe, Maß und Wahrheit – eine alte Ordnung
Der Auszug stammt aus den „kanonischen Lehrrollen der Runenkunde“ (Runen Wissen 2). Wer heute nach Achtsamkeit und Magie und Nähe in der Zweisamkeit sucht, kommt automatisch mit den Tantralehren in Berührung. So weit müssen wir aber gar nicht in die Ferne blicken:
Unsere hiesigen Vorfahren wussten ganz genau, wie man gemeinsam in die lustvollen Höhen und Tiefen findet. Sie haben hunderte von Seiten über die Sexualmagie geschrieben.
Das Folgende legten sie der Liebe zugrunde. Es ist zwar eine Einleitung, die noch nicht weiter in die Tiefe geht, aber ich finde die Worte so wunderschön nüchtern, allgemeingültig, treffend und zeitlos für uns alle:
"Von Nähe, Bindung und Selbstwahrung"
„So wisse denn, du, der du mit Zeichen umgehst und mit Worten die unsichtbaren Fäden berührst, daß nichts leichter genannt und nichts schwerer getragen wird als die Nähe zweier Herzen. Denn Nähe ist ein Feuer, das wärmt, und ein Rauch, der blind macht; eine Quelle, die heilt, und ein Strom, der fortreißt. Darum bedarf sie der Ordnung, wie jedes Ding, das zwischen Menschen lebt: nicht der harten Ordnung des Bannens, die verwehrt, noch der kalten Ordnung des Stillstellens, die erstarren läßt, sondern einer stillen Ordnung, die Maß kennt und Grenze, Gabe und Antwort, Abstand und Heimkehr.
Viele irren, alldieweil sie meinen, Liebe sei ein Besitz, der sich halten lasse wie ein Beutel Silber, oder ein Messer, das man in der Faust schließt. Solches ist Torheit. Was man hält, ohne daß es sich selbst hält, wird hart und scharf und schneidet zuletzt die Hand, die es hielt. Darum lehren die Alten – und es ist eine Lehre, die nicht erst in Runen, sondern schon im Atem geschrieben steht –, daß Nähe nur da recht sei, wo sie frei ist, und Bindung nur da heilig, wo sie nicht zwingt. Die Runen können ein Tor öffnen, doch sie dürfen nicht die Schritte tragen, die hindurchgehen sollen; sie können das Ohr schärfen, doch sie dürfen nicht das Wort in fremden Mund legen; sie können das Herz beruhigen, doch sie dürfen nicht die Antwort stehlen, die dem Anderen allein gebührt.
Merke also zuerst die drei Dinge, daraus jede rechte Liebeskunst erwächst: Maß, Wahrheit und Rückkehr. Maß ist die Hand, die nicht krampft. Wahrheit ist das Auge, das nicht beschönigt. Rückkehr ist der Schritt, der heimfindet, auch wenn der Andere fortgeht. Wo eines dieser drei fehlt, wird Nähe zur Unrast und Bindung zur Kette.
Und alldieweil du die Runen des älteren Futhark gebrauchst, so bedenke, daß jede Rune eine Art hat, die sich in Liebesdingen anders zeigt als in Schutz oder Weg. Es ist ein alter Fehler, eine Rune zu nehmen, weil sie stark sei, ohne zu fragen, ob ihre Stärke der Liebe dient. Denn Stärke, die nicht paßt, wird Gewalt; und Gewalt, die im Gewand der Zärtlichkeit kommt, ist die schlimmste.“
Überliefertes Runenwissen als Studium des Lebens
Und das liebe ich daran ja am meisten: Dass nicht nur über das Wirken mit Runen geschrieben wird, sondern ganz allgemein über die Kunst, ein erfülltes Leben zu führen. Über Liebe, Gemeinschaft, Naturrhythmen, Schwellen und andere Dinge, die uns jeden Tag begegnen. Ohne Bewusstsein für diese Dinge und ohne ein bisschen Mitte, Ordnung und Maß, sollte man die Runen höchstens zum Meditieren nutzen. Andernfalls verstärkt man mit ihnen einfach nur das Chaos, das ohnehin schon da ist.
Mit den alten Lehrrollen, den Codices und den Lehrschriften sind Überlieferungen erhalten geblieben, die rund 30 dicke Bücher (je 500 Seiten) umfassen werden. Und da geht es in die Tiefe – von allen Blickwinkeln beleuchtet – Material genug für ein lebenslanges Studium (des Lebens).
Man muss aber ein bisschen auf Belehrungen abfahren. Denn es ist nunmal so, dass wir heute – auch in der Spiritualität - kein Bisschen schlauer oder bewusster sind, als damals. Zum Glück haben die Alten uns aber auch ein paar humorvolle Sätze dagelassen. So wissen wir jederzeit, was Sache ist:
„Die Rune ist alt, und der Mensch ist kurz.“